Kohle ist ein schmutziges Geschäft

Autorin: Yvonne Bangert, GfbV-Expertin für Indigene Völker

Bild: Fridays for Future via Flickr

Vom interkontinentalen Kohledeal zwischen Australien und Asien profitiert nur der indische Mischkonzern ADANI.

Gleich auf zwei Kontinenten sind Indigene die Opfer eines aberwitzigen Megaprojektes, das wie kaum ein anderes die Dominanz des Profits vor Umwelt- und Klimaschutz, Menschenrechten und Nachhaltigkeit aufzeigt. Auch die Welterbestätte Great Barrier Reef ist akut in Gefahr.

In Queensland im Nordosten Australiens wehren sich die Indigenen Gemeinschaften Wangan und Jagalingou seit zehn Jahren erbittert gegen die Carmichael-Mine des indischen Adani-Konzern. Sie soll die weltgrößte Kohlemine werden, die nur einem Zweck dient, gigantische Mengen an Kohle auf dem Seeweg nach Ostindien zu verschiffen, dort in einem Kohlekraftwerk zu verstromen und den Strom dann nach Bangladesh zu verkaufen. Für den Bau des Kraftwerkes wurden mehrere Dörfer der Adivasi-Landbevölkerung zerstört, die Adivasi wurden von ihrem fruchtbaren Land vertrieben. Weder in Australien noch in Indien hat sie lokale Bevölkerung von diesem Megaprojekt irgendeinen Nutzen. Die Bevölkerung in Bangladesh, der vermeintliche Nutznießer, würde von einem, gut durchdachten System mit Solarenergie erheblich mehr profitieren als von diesem Kohlestrom, der durch die aufwändige Produktion und die langen Lieferwege sehr teuer werden dürfte.

Auch der deutsche Siemens-Konzern mischt an diesem Kohledeal mit. Siemens wird für die Bahntrasse, die über ca. 400 km von der Carmichael-Mine zur Verladestation an der Küste von Queensland führen wird, die Signalanlagen liefern. Massive Proteste durch Menschenrechtler*innen und Umweltschützer*innen in Australien und Deutschland konnten diese Entscheidung bislang nicht kippen. Siemens-Chef Joe Kaeser betonte die Notwendigkeit der Vertragstreue und berief sich in einer persönlichen Stellungnahme sogar auf die vermeintliche Zustimmung der Wangan und Jagalingou zu der Kohlemine. Da hatte er sich offensichtlich schlecht beraten lassen, denn die Indigenen sagen selbst das genaue Gegenteil. Sie prozessieren nach wie vor um ihre Rechte an ihrem angestammten Land, das Adani für das Projekt nutzen will. Sie wurden übergangen, ihr native title, der ihnen das Verfügungsrecht über ihr Land garantiert, wurde von Queensland gelöscht, ein Verfahren des Free Prior Informed Consent, den das Regelwerk der UN Deklaration zu den Rechten indigener Völker vorschreibt, hat nicht stattgefunden. Australien hat die UNDRIP 2009, zwei Jahre nach ihrer Verabschiedung durch die UN-Vollversammlung, angenommen.

 Foto: Joegoauk Goa via Flickr (CC BY-SA 2.0).

„Wir, die Wangan und Jagalingou, sind die traditionellen Besitzer des Landes im Galilee Becken von Queensland. Der Mischkonzern Adani will unser angestammtes Land für seine Carmichael-Kohlemine nutzen. Wir lehnen hiermit eindeutig eine Landnutzungsvereinbarung mit Adani für die Carmichael-Mine auf unserem angestammten Land ab. Wir stimmen der Carmichael-Mine auf unserem angestammten Land nicht zu. Die Angebote von Adani, damit wir auf unser Land und unsere Rechte daran verzichten, akzeptieren wir nicht. Wir werden ihr „Schweigegeld“ nicht nehmen. Wir werden das Land und unsere Verbindung zu ihm schützen und verteidigen.“ https://wanganjagalingou.com.au/

Die Carmichael-Mine soll in geplant fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten bis zu 60 Mio. Tonnen Steinkohle pro Jahr fördern. Das entspricht ungefähr 500 Kohlefrachtern, die jedes Jahr über einen Seeweg von fast 9.000 km nach Indien fahren sollen, obwohl das dortige Kraftwerk in der größten Kohlebergbauregion des Subkontinents liegt und eine der Minen nur 16 Kilometer entfernt ist. „Der einzige Gewinner in diesem irrwitzigen Spiel ist der Adani-Konzern, sonst gibt es nur Verlierer“, sagt GfbV-Direktor Ulrich Delius.

Das Gesamtprojekt ist auch ein riesiges Umweltverbrechen. Die Carmichael-Mine wird geschätzte 12,5 Milliarden Liter Wasser pro Jahr verbrauchen und die Gegend, die jetzt unter den großen Bränden zu leiden hatte, weiter austrocknen. Die Wangan und Jagalingou fürchten um ihre Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Auch das Kohlekraftwerk in Indien wird einen sehr großen Wasserverbrauch haben. Im Herbst 2019 wurde der Bau einer Wasserpipeline genehmigt, welche das Kraftwerk mit jährlich 36 Milliarden Liter Wasser aus dem Ganges versorgen soll. Die vom Nahrungsanbau lebenden indigenen Gemeinschaften fürchten um die Wasserversorgung, denn der Grundwasserspiegel wird sich senken.

Foto: Julian Meehan via Flickr (CC-by-SA)

Nach den Plänen des Adani-Konzerns soll die australische Kohle im unternehmenseigenen Hafen Dhamra im indischen Bundesstaat Orissa anlanden. Für den Bau des Hafens in unmittelbarer Nähe eines Naturschutzgebietes wurden gegen den Protest von Umweltorganisationen Mangrovenwälder gerodet, die für den Küstenschutz gegen Stürme und Überschwemmung bedeutend waren. Die Kohle soll aus Dhamra über eine 700 Kilometer lange Eisenbahnverbindung nach Godda im äußersten Nordosten Indiens transportiert werden. Die Behörden in Godda haben seit dem Jahr 2015 die Enteignung der Indigenen in mehreren Dörfern vorangetrieben, um Platz für das Kraftwerk zu schaffen.

In Australien wiederum werden nicht nur die Abbaustätten selbst und der Bau der Bahntrasse zur Küste große Umweltschäden anrichten. Auch die Verladehäfen für die Kohlefrachter werden vergrößert werden müssen. Sie liegen in ökologisch sensiblem Gebiet. Die Transportroute der Kohlefrachter birgt große Gefahren für das ohnehin schon leidende Great Barrier Reef, das vor der Küste Queenslands liegt. Es wird von den Frachtern überquert, bevor sie auf ihre Trasse durch die Inselwelt Indonesiens nach Dharma Point in Nordost-Indien abbiegen.

Nach wie vor laufen Menschenrechtler*innen, Umweltschützer*innen und Indigene auf beiden Kontinenten und in Europa Sturm gegen das Adani-Projekt. Auch Fridays for Future hat schon vor den Toren von Siemens mobil gemacht. 2022 soll nach der Konzernplanung mit der Kohleförderung begonnen werden. Weitere Infos darüber, wie man den Widerstand der Indigenen unterstützen kann, finden sich hier:

Petition der Wangan und Jagalingou — https://wanganjagalingou.com.au/our-fight/

Hintergrundinfos zum Thema Kohlebergbau weltweit  – https://www.dw.com/de/der-adani-effekt-was-kohle-noch-lukrativ-macht/a-52016323

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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