Brasilien: Ein Land befindet sich im religiösen Wandel

Autorin: Özge Özden, Praktikantin im Referat für Indigene Völker

Bild: Steve Martinez via Flickr.

Erneut sorgt Brasiliens Staatspräsident Jair Messias Bolsonaro für Schlagzeilen weltweit: Er ernannte vor kurzem den Anthropologen und evangelikalen Missionar Ricardo Lopes Dias zum neuen Leiter für den Bereich „Unkontaktierte Völker“ in der Indigenen-Behörde Funai. Demzufolge sollen über 100 freiwillig abschieden lebende indigene Völker Brasiliens unter seinem Schutz stehen. Dias arbeitete von 1997 bis 2007 für die „New Tribes Mission“.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Missionierungen der indigenen Völker weltweit zu betreiben, indem sie die Bibel in einheimischer Sprache in indigenen Territorien predigen. Der Entschluss, einem ehemaligen Missionar die Aufgabe des Wächters über die in freiwilliger Abgeschiedenheit lebenden Indigenen zu übertragen, stellt einen offenen Akt der Aggression gegen die Selbstbestimmung und Rechte dieser dar. Anlässlich dieses Beschlusses äußerte die brasilianische Staatsanwaltschaft bedenken und sieht einen Interessenkonflikt, Dias als Leiter Funais einzusetzen, aufgrund seiner Verbindung zu „New Tribes Mission“, auch Ethnos360 genannt. Sie sehen das Risiko des Genozids und Ethnozids an den Indigenen und baten nun ein brasilianisches Gericht, Dias Ernennung auszusetzen.

Wer sind evangelikale Christ*innen?

Die „Evangelikale Bewegung“ definiert sich über eine wortwörtliche Auffassung der biblischen Texte: Diese Ansicht unterscheidet die evangelikalen Christ*innen von anderen christlichen Glaubensrichtungen, welche biblischen Texten einen übertragenen Sinn zusprechen. Evangelikale Prediger*innen sprechen sich rigoros konservativ gegen Abtreibung, Homosexualität, gleichgeschlechtliche Ehe, künstliche Befruchtung, Sex vor der Ehe und Alkoholkonsum aus. Besonders kennzeichnend für diese Bewegung ist der Missionierungseifer, indem sie Zeltmissionen, Straßeneinsätze, eigene Rundfunksender und eigene Verlage betreiben. Zu dem repräsentieren sie ein Wohlstandsevangelium. Demnach sollen Gemeindemitglieder ein Zehntel ihres Einkommens an die Kirche abtreten, durch die Gunst Gottes würden sie angeblich das Dreifache zurückbekommen.

Wie weit reicht der Einfluss von Evangelikalen auf die Politik Brasiliens?

Der Einfluss bzw. die weltweit wachsende Anhängerzahl der Evangelikalen lässt sich besonders gut in Brasilien beobachten. Brasilien zählt zu den katholischsten Ländern der Welt und dennoch verliert es Anhänger*innen an die evangelikalen Kirchen. Zurzeit werden Evangelikale in Brasilien auf 42 Millionen Menschen, das ist ca. ein Viertel der Bevölkerung, geschätzt. Besonders starken Zulauf erfahren sie durch die Favelas, Armenviertel Brasiliens, in denen circa 16 Prozent der Bevölkerung leben. Die Zahl steigt stetig. Die Kluft zwischen arm und reich ist nirgendwo so groß, wie in Brasilien. Die gesellschaftlichen Schichten sind klar voneinander getrennt: Die Favelas liegen an den Rändern der Stadt Brasiliens, die Mittelschicht und die Reichen leben in abgetrennten Bereichen, den „Condominos fechados“, zu denen nur sie Zutritt haben. Die evangelikalen Kirchen haben ihre religiösen Subsysteme dem angepasst. Es gibt evangelikale Kirchen für Arme und Reiche. Die sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind in den Favelas prekär. Menschenrecht werden hier massiv verletzt. Die Bewohner*innen werden vernachlässigt und stark benachteiligt, sie sind der Kontrolle krimineller Banden, Polizeigewalt, Razzien mit Schießereien und der Straflosigkeit gegenüber ihren Peiniger*innen ausgesetzt. Evangelikale machen sich diese Umstände zu Nutze, indem sie da Eingreifen und den Samariter mimen, an dem die Politik versagt hat. Es ist kein sozialpolitisches Engagement, vielmehr gleicht es der Ausbeutung der Armen durch Pflichtabgaben und Werbung neuer Mitglieder, um ihren Einfluss sozial als auch politisch zu vergrößern.

Noch bis in die 1980er Jahre vertrat die evangelikale Kirche die Ansicht, sich aus Staatsangelegenheiten politischer Natur rauszuhalten. Das neue Motto ist nun „Der Gläubige wählt den Gläubigen“ und mischen bei den Wahlen mit. Evangelikale Prediger*innen bestärken ihre Mitglieder bei Wahlen, die von ihnen angepriesenen Kandidat*innen zu wählen. Jüngst geschah dies beim Staatspräsidenten Jair Messias Bolsonaro, der bekehrter evangelikaler Christ ist. Demnach kann seine Bekehrung 2016 vom Katholiken zum Evangelikalen als ein gescheiter Schachzug betrachtet werden, vor allem da der Einfluss evangelikaler Kirchen in Brasilien zunimmt. Bei seiner Wahl 2018 gewann er mit evangelikalen Wähler*innen das Amt des Staatpräsidenten. Es findet eine intensive politische Religiosität statt, bei der katholische Kirchen immer mehr Anhänger*innen an die evangelikale Bewegung verlieren und sich bei Wahlen für ihren Kandidat*innen stark machen. Sie scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, den katholischen Kirchen den sozialen und politischen Einfluss in Brasilien streitig zu machen.

Evangelikaler Einfluss auf die Rechte Indigener

Im Hinblick auf die indigenen Völker des Amazonas muss diese Entwicklung durchaus als bedrohlich betrachtet werden. Wie vom Staatspräsidenten Bolsonaro bereits erwähnt, werden den Indigenen keine neuen Territorien mehr zugesprochen und die vorhanden Reservate werden reduziert. Der Druck auf die Indigenen wächst enorm. Zum einen durch illegale Holzfäller*innen, Goldsucher*innen, Viehzüchter*innen, Bergbau, Erdölindustrie und toxischem Müll, der die Nachhaltigkeit des Regenwaldes zerstören und den Indigenen allmählich den Lebensraum nehmen. Zum anderen durch missionierungseifrige Evangelikale, die sich über bestehende Gesetze der Nicht-Kontaktierung hinwegsetzen und die Indigenen mit Zwang kontaktieren wollen. Bereits in der Vergangenheit wurde die Zahl der Indigenen stark dezimiert, durch Missionare, die unzählige Krankheiten in ihre Gebiete einschleppten, gegen die Indigene nicht immun waren. Diesen fiel in den 1960er Jahren z.B. das indigene Volk der Suruì in Rondônia zum Opfer. Innerhalb weniger Jahre wurde ihre Bevölkerungszahl von 5.000 auf 250 vermindert.

Bild: Apib Comunicacão via Flickr.

Seit Bolsonaros Amtsantritt haben die Indigenen den Staatpräsidenten als ihren größten Feind. Ein Präsident, der Indigene und ihre Lebensweise nicht respektiert und sie obendrein als Behinderung des wirtschaftlichen Aufschwungs Brasiliens betrachtet und verurteilt. Amazonien birgt viele Rohstoffe und Nutzfläche für Rinderzucht, Soja- und Zuckerrohanbau und Rohstoffe, welche sich Bolsonaro zu eigen machen möchte. Dieses Vorhaben treibt er mit dem Beschluss zur Legalisierung des Rohstoffabbaus in den indigenen Gebieten Amazoniens voran. Ein Präsident ist für einen ganzen Staat verantwortlich, somit steht dieser unter der Verantwortung die Interessen aller seiner Bewohner vertreten und ihre Rechte zu schützen. Dem wird Bolsonaro, der rücksichtslos seine eigenen Interessen vertritt, nicht gerecht werden.

Bild: Rettet den Regenwald e.V. (Rainforest Rescue) via Flickr.

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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