145 Jahre Genozid: Tscherkessen gedenken in Berlin

Am Samstag haben in Berlin Tscherkessen aus Deutschland, Italien, den USA, Israel, der Türkei, den Niederlanden und anderen Staaten des Genozids an ihrem Volk vor 145 durch das zaristische Russland gedacht. Die Veranstaltung war gut besucht. Mein erster Eindruck war: so viele junge Menschen! Für diese war es sicherlich auch ein Ort, um sich kennen zu lernen, sich der eigenen Identität zu versichern, tscherkessische Lieder zu hören und sich zu überlegen, wie sie sich möglicherweise politisch engagieren könnten. Als GfbV-Referentin hielt ich ein Grußwort und bot unsere Zusammenarbeit an

Fast 100 Jahre lang hatten die unterschiedlichen Stämme der Tscherkessen Widerstand gegen die russische Kolonisation des Kaukasus geleistet. Schließlich unterlagen sie der Übermacht des russischen Militärs. Dieses ging mit größter Brutalität gegen die Menschen im Nordkaukasus vor. Dörfer wurden systematisch niedergebrannt, Männer, Frauen und Kinder ermordet. Am 28. Mai begann die Deportation der Überlebenden der vielen Massaker und Kämpfe ins Osmanische Reich. Über das Schwarze Meer schickte man die Menschen in offenen Barkassen, kleinen überfüllten Booten, viele sanken und die Menschen ertranken. Dann wüteten Hunger und Krankheiten unter den Tscherkessen.

Bis heute ist unbekannt, wie viele Menschen durch das russische Verbrechen umkamen. Der Historiker Stephen Shenfield rechnet folgendermaßen: Vor der russischen Kolonisierung gab es rund 2 Millionen Tscherkessen. 1864 war der nordwestliche Kaukasus, das Herzland der Tscherkessen, fast vollständig „gesäubert“. Zwischen 120.000 und 150.000 Tscherkessen wurden in anderen Regionen des Russischen Reiches angesiedelt. Rund 500.000 wurden ins osmanische Reich zwangsdeportiert. Zuvor im Jahr 1858 waren rund 30.000 Familien freiwillig ausgewandert. Das bedeutet, dass es keine Angaben zu rund einer Million Tscherkessen gibt, und wenn man noch diejenigen dazuzählt, die durch die Vertreibung umgekommen sind, gab es wohl fast 1,5 Millionen Opfer.

Heute kann man zum Glück sagen, dass die Tscherkessen als Volk überlebt haben. Es ist ihnen gelungen, ihre Kultur und Sprache zu bewahren. Es gibt eine breite tscherkessische Bewegung im Nordkaukasus, in der Diaspora in der Türkei, dem Mittleren Osten und Europa. Es wäre schön, wenn die Türkei auch von offizieller Seite die Sprache, Geschichte und Kultur der Tscherkessen anerkennen würde. Diese Forderung gilt natürlich auch für die anderen Minderheiten in der Türkei. Die Tscherkessen haben auch Erwartungen an die türkische Außenpolitik in Bezug auf den Kaukasus. Es bleibt abzuwarten, wie viel davon sie durchsetzen können.

Die Tscherkessen haben Forderungen und Bitten an die russische Regierung. Ein erster Schritt wäre die Ankerkennung des Völkermordverbrechens durch das zaristische Russland und eine Entschuldigung dafür von Seiten der heutigen russischen Regierung. Leider macht sie keinerlei Anstalten, sich mit dem Leid der Tscherkessen und ihren Bitten zu beschäftigen. Es droht eher eine andere Gefahr: Obwohl sie friedlich und demokratisch ihre Forderungen vortragen, gibt es die Tendenz, die Tscherkessen als Separatisten zu bezeichnen und sie zu diskriminieren. Das könnte auf der einen Seite zu einer Radikalisierung der jungen Generation der Tscherkessen führen, auf der anderen Seite könnte Russland die Tscherkessen unter dem Vorwurf des Separatismus genauso drangsalieren wie viele andere Gruppen insbesondere im Nordkaukasus.

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